Geschichte des Arbeitskreises für Außereuropäische
Geschichte (AAG)
Seit dem 19. Jahrhundert ist die Entwicklung der Geschichtswissenschaft eng
mit der Herausbildung des Nationalstaats verknüpft. Die national-historiographische
Perspektive ließ nur selten Raum für außerdeutsche und außereuropäische
Erfahrungswelten, die in der Folge in die entsprechenden Philologien (besonders
was den „Orient“ betraf) und in die Geographie und Völkerkunde/Ethnologie
abgedrängt wurden. Oftmals war ein Interesse an Außereuropäischem nur allzu
unverbrämt mit kolonialen und imperialen Interessen verbunden. In der Zeit
des Nationalsozialismus spitzte sich diese Koalition von Großmachtphantasien
und wissenschaftlichem Interesse an Regionen der außereuropäischen Welt im
Rahmen der so genannten „Auslandswissenschaften“ zu, an die nach 1945 aus
guten Gründen nicht angeknüpft werden konnte.
Während in Großbritannien, den USA, Frankreich und anderen Ländern die „area
studies“ immer mehr an Bedeutung gewannen, waren vergleichbare Ansätze in
Deutschland zunächst sehr nachhaltig diskreditiert. Nur langsam und nach
Weltregionen sehr unterschiedlich verteilt entwickelten sich erneut Ansätze
einer wissenschaftlichen Infrastruktur. Es waren zunächst die Philologien und
die international ausgerichteten Sozialwissenschaften, die sich mit neuen
Fragestellungen den außereuropäischen Regionen widmeten, nicht jedoch die
Geschichtswissenschaft. Hier herrschte, auch aufgrund der Lehrerausbildung
und der schulischen Lehrpläne, ein weitgehendes Desinteresse an
außereuropäischen Themen.
So ist es zu erklären, dass sich erst sehr spät, nämlich im Jahre 1980 und in
regional noch wenig ausdifferenzierter Weise auf dem Historikertag in
Würzburg der Arbeitskreis für Außereuropäische Geschichte konstituierte. Der
auf dem Historikertag in Berlin (1984) zum Vorsitzenden gewählte Heidelberger
Indienhistoriker Dietmar Rothermund führte jahrelang die Geschäfte des
Arbeitskreises und erreichte schließlich auf dem Aachener Historikertag im
Jahre 2000, dass der AAG innerhalb des Verbandes der Historikerinnen und
Historiker Deutschlands (VHHD) offiziell anerkannt wurde. Wesentlich hierzu
beigetragen haben sicherlich auch Dietmar Rothermunds Engagement für die
Einrichtung eines Schwerpunktprogrammes zur außereuropäischen Geschichte im
Rahmen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zum Thema „Transformationen
der außereuropäischen Expansion vom 15. bis zum 20. Jahrhundert.
Untersuchungen zur Kognitiven Interaktion europäischer mit außereuropäischen
Gesellschaften“. Das Programm verbesserte die Nachwuchssituation auf den
Feldern der außereuropäischen Geschichte wesentlich. Seit 1991 erscheint „Periplus.
Jahrbuch für außereuropäische Geschichte“. Auf dem Historikertag in Kiel 2004
gelang es zum ersten Mal, einen Vertreter der außereuropäischen Geschichte in
das erweiterte Leitungsgremium des VHHD zu entsenden und im Fachkollegium
Neuere und Neueste Geschichte der DFG sitzt seit 2007 eine Vertreterin der
außereuropäischen Geschichte. Einen weiteren Schritt hin zu einer verstärkten
Berücksichtigung außereuropäischer Perspektiven in der Geschichtswissenschaft
repräsentiert die Verleihung des Gottfried-Wilhelm-Leibnitz-Preises 2010 an
den Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel. Dieser habe, wie es in der
Laudation der DFG heißt, zur „Verwandlung der nationalen Welt vieler
Historikerinnen und Historiker“ und der Eröffnung neuer Wege hin zu einer
vernetzten, außereuropäische Welten mit einbeziehenden Universalgeschichte
beigetragen.
Trotz des generell wachsenden Interesses an einer „globaleren“
Geschichtswissenschaft sowie der Ausweitung der außereuropäischen Geschichte
durch einige Stellen, die Beteiligung an Drittmittelverbünden und
interdisziplinären Studiengängen, ist die Situation der außereuropäischen
Geschichte weiterhin verbesserungsbedürftig. Dies bezieht sich auf die
unzureichende Zahl der Lehrstühle, Professuren und Stellen im akademischen
Mittelbau ebenso wie auf die weiterhin bestehende Notwendigkeit,
außereuropäische Aspekte stärker in unser nationales bzw. „europäisches“
Geschichtsbewusstsein (z.B. im Geschichtsunterricht) mit einzubinden.